Die Kettenstich Nähmaschine.

Die Kettenstichmaschine nach dem Willcox & Gibbs System.
Die Greiferwelle ist bei der Willcox & Gibbs Maschine die Hauptwelle. Durch ein auf dieser Welle sitzendes Kreisexzenter, das von einer Exzenterstange umfaßt ist, erhält der Nadelarm, der mit einer Kugelschraube in die Exzenterstange eingreift, eine schwingende Bewegung, welche auf die Nadelstange übertragen wird. Durch Einschrauben der Kugelschraube in entsprechender Tiefe in den Nadelarm ist der Hub der Nadelstange zu regeln.
Die Greiferwelle ist so dick, daß das Stoffschieber-Exzenter aus ihr herausgedreht werden kann, das in der Höhe dichtschließend von Stoffschieber umfaßt wird. Dieser schwingt auf einem am Fundament sitzenden Bolzen; durch eine Schraubenfeder wird er stets nach vorn gedrängt; sein Vorschub wird außer durch das Exzenter durch den Stichsteller bestimmt, der aus einem Hebel mit exzentrischer Scheibe besteht.
Willcox & Gibbs Maschine - eingefaedelt Der Greifer sitzt mit einem Zapfen in der Welle und wird durch eine kleine Schraube festgespannt. Der Nadelhub beträgt im Ganzen 20 mm; 9 mm geht die Nadel unter, 11 mm über die Nähplatte. Der Schlingenhub beträgt etwa 2 mm, dann steht also der Greifer schon in der Schlinge; seine Gestalt ist so beschaffen, daß er den von der aufsteigenden Nadel freigegebenen Faden gerade verbraucht. Die Fadengebung ist daher so eingerichtet, daß sie nur der Nadel, wenn diese durch den Stoff dringt, den nötigen Faden zu liefern hat. Diese Fadenmenge ist zu regeln durch eine auf- und abstellbare Fadenleitungsöse. Zu wenig und zu viel Faden macht die Schlinge reißen. Der Greifer zieht die erste Schlinge durch die zweite zusammen und bewirkt so den Anzug des Stichs. Gleichzeitig mit dem in der höchsten Nadelstellung stattfindenden Fadenanzug erfolgt der Ausschub des Stoffschiebers.
Die Fadengebung ist eine unvollkommene, daher hat der Faden, ehe er zur Nadel gelangt, eine Klemmspannung zu passieren, welche am Kopf der Maschine angebracht ist und den Zweck hat, den Faden nicht lose werden zu lassen, wenn die Nadelspitze in den Stoff geht.
Da die Fadenschlinge um 180° gedreht wird und dadurch beim Abgehen vom Greifer - was stattfindet, wenn der Greifer die neue Schlinge erfaßt hat - das Bestreben hat, sich wieder zurückzudrehen, so kann sie daher leicht auf die Greiferspitze gelangen, wenn die Maschine nicht gut justiert oder die Gestalt des Greifers fehlerhaft ist. Es ist darauf zu achten, daß die zum sicheren Erfassen der Schlinge beim Oehr eingebrauchte Nadel dicht an der Kante des Stoffschiebers entlang gleite, damit die Fadenschlinge mit Sicherheit dem Greifer zugeworfen werde. Fehlstiche sind bei der Kettennaht unbedingt zu vermeiden, weil die Naht durch einen solchen lösbar wird. Wegen der leichten Bauart, der wenig Reibung verursachenden Mechanismen, der geringen Menge losen Fadens kann die Willcox & Gibbs Maschine ungemein rasch arbeiten. Bei Dampfbetrieb macht sie 3500 Stiche. Sie wird in mehreren Abarten als Spezialmaschine für die verschiedensten Gewerbe gebaut. Namentlich ist sie für die Trikotnäherei beliebt. Hierfür bestimmte Maschinen arbeiten mit zwangsläufigem Stoffschieber und automatischer Fadengebung, wobei der Faden nach erfolgtem Fadenanzug automatisch festgeklemmt wird, um die weitere Fadenausgabe unmöglich zu machen. Auch als Strohhutnähmaschine findet die Willcox & Gibbs Maschine Verwendung.
Als Handmaschine, Express genannt, hat die Willcox & Gibbs Maschine eine Umkonstruktion erfahren. Nadelstange und Greifer empfangen ihre Bewegung von je einer Welle mit Zahnrad; beide Zahnräder erhalten ihren Antrieb von einem Zahnkranz, der in dem Handrad sitzt. Auf der oberen Welle steckt eine Kurbelscheibe mit Rolle, welche in das auf der Nadelstange angebrachte Herz eingreift.

    Die an der Willcox & Gibbs vorkommenden Reparaturen betreffen:
  1. die Kugelschraube, welche die Exzenterstange mit dem Nadelarm verbindet. Reicht das Nachziehen des Exzenterringes nicht ais, so ist die Schraube zu erneuern;
  2. die Kugelschraube, welche die Nadelstange mit dem Nadelarm verbindet. Sie ist bei erheblicher Abnutzung ebenfalls zu erneuern;
  3. die Nadelstange, die durch eine stärkere zu ersetzen ist;
  4. den Stoffschieber. Die Oeffnung, in welcher das Exzenter spielt, ist durch eine mit Schwalbenschwanz eingelegte Platte so weit zu verkleinern, das sie das Exzenter dicht schießend umfaßt. Die Stoffschieberzähnchen sind nachzuschärfen. Die Schraube, auf welcher sich der Stoffschieber hin- und herschiebt, ist durch eine stärkere zu ersetzen.
  5. das Leder am Stichsteller, das zu erneuern ist;
  6. das Stoffschieber-Exzenter. Ist dieses zu sehr angegriffen, muß die Welle ersetzt werden;
  7. den Greifer, Der Faden schneidet sich am Knick und unmittelbar hinter der Spitze ein. Zum ersten Mal sind die Einschnitte wegzuschleifen, später muß ein neuer Greifer eingesetzt werden. Ist die Spitze abgebrochen, so ist ein Nachschleifen derselben unstatthaft, weil sie zu kurz wird;
  8. die Fadenleitungsösenund die Fadenklemmfeder, in welche sich der Faden einschneidet. Dieselben sind zu ersetzen;
  9. das Stichloch der Stichplatte. Dasselbe ist mittels Bindfaden, welcher mit Oel und Schmirgel beschmiert wird, auszuschleifen.

Die Strohhutnähmaschinen erleiden eine erhebliche Abnutzung durch den sich bildenden Staub; dagegen sind die Trikotnähmaschinen, welche Wolle vernähen, kaum der Abnutzung unterworfen, da die Wolle das Oel aufsaugt und so als Selbstschmiere wirkt.

Quelle:  Die Fabrikation von Nähmaschinen - H.W. Lind. (1891)
Willcox & Gibbs Automatic Silent Sewing Machine / Anleitung